Dienstag, 5. Juni 2007

Johanna Mestorf: Deutschlands erste Museumsdirektorin



Leseprobe aus der CD-ROM "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst:

Einen Ehrenplatz in der Vorgeschichtsforschung Norddeutschlands nimmt die Prähistorikerin Johanna Mestorf (1828–1909) ein. Sie wurde 1891 in Kiel die erste Museumsdirektorin und 1899 die zweite Professorin Deutschlands, übersetzte wichtige Abhandlungen skandinavischer Archäologen, schrieb selbst grundlegende Werke, erforschte eine Kulturstufe der Jungsteinzeit (Neolithikum) und gab ihr einen Namen.

Johanna Mestorf kam – laut Eintragung im Kirchenbuch – am 15. April 1828 in Bramstedt (Holstein) zur Welt. In der Literatur wird irrtümlich der 17. April 1829 als Geburtstag genannt. Man feierte immer zum falschen Datum ihren Geburtstag, weil Johanna den Irrtum nicht korrigierte. Ihre Eltern sind der Arzt Jacob Heinrich Mestorf (1796–1837) und dessen Frau Sophia Catharina Georgine, geb. Körner, gewesen. Die Mutter war entfernt mit dem Dichter und Freiheitssänger Theodor Körner (1791–1813) verwandt.

Wahrscheinlich ist Johanna Mestorfs Interesse an der Archäologie früh durch Studien ihres Vaters und dessen umfangreiche Altertümersammlung geweckt worden. Dies vermutete 1984 der Hamburger Archäologe Rüdiger Articus in seinem Gedenkartikel anlässlich des 75. Todestages. 1837 ist Johanna Mestorfs Vater an Magenkrebs gestorben. Danach zog seine Witwe mit ihren zwei Söhnen und drei Töchtern nach Itzehoe. Dort besuchte Johanna die „Blöckersche Privatschule“.

Ab 1849 arbeitete die 21-jährige Johanna Mestorf als Erzieherin und Gesellschafterin der Familie des Grafen Piper-Engsö in Schweden, wo sie ihre Sprach- und Geschichtskenntnisse vertiefte. Am 17. August 1853 kehrte die zierliche und gesundheitlich anfällige Johanna zu ihrer Mutter zurück, weil ihr das nordische Klima nicht behagte. Bald danach zog sie als Begleiterin der mit der Grafenfamilie Piper-Engsö verschwägerten Gräfin Falletti di Villa Felleto nach Italien.

1859 kam Johanna Mestorf wieder nach Norddeutschland zurück und wohnte bei der Familie eines ihrer Brüder in Hamburg. Sie arbeitete als Übersetzerin und übertrug viele Werke bedeutender skandinavischer Forscher wie Ingvald Undset (1853–1890), Hans Hildebrand (1842–1913), Jens Jacob Asmussen Worsae (1821–1885), Oscar Montelius (1843–1921) und Sophus Müller (1846–1934) ins Deutsche. Auf diese Weise verbreitete sie die Erkenntnisse der damals überlegenen archäologischen Forschung Skandinaviens auch in Deutschland. 1866 erschien in Hamburg ihr historischer Roman „Wiebke Kruse, eine holsteinische Bauerntochter“.

Seit Juli 1867 verdiente Johanna Mestorf ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Fremdsprachensekretärin des „Lithographischen Instituts C. Adler“ in Hamburg. 1869 nahm sie am „4. Internationalen Kongreß für prähistorische Anthropologie und Archäologie“ in Kopenhagen teil und lernte dabei viele der damals bekanntesten Anthropologen und Archäologen kennen. 1871 schickte der Hamburger Senat sie als Vertreterin von Hamburg zum „5. Internationalen Kongreß für prähistorische Anthropologie und Archäologie“ nach Bologna.

1873 übernahm Johanna Mestorf die neugeschaffene Stelle der Kustodin am „Schleswig-Holsteinischen Museum vaterländischer Alterthümer“ in Kiel. Dieses Museum unter der Leitung von Professor Heinrich Handelmann (1827–1891) war kurz zuvor der Christian-Albrechts-Universität in Kiel angegliedert worden. Johanna sichtete mit großem Engagement die Sammlungsbestände, die bis dahin „ein ungeordneter Haufen von Kuriositäten“ waren.

Johanna Mestorf zählte zu den Initiatoren des 1877 gegründeten „Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein“ und fungierte bis zu ihrem Tod als dessen Schriftführerin. 1878 musste sie den Umzug der Sammlungen in das frühere Universitätsgebäude in der Kattenstraße bewältigen. 1882 prägte sie in der Publikation „Aus dem Steinalter. Gräber ohne Steinkammer unter „Bodenniveau“ den Begriff „Einzelgrab-Kultur“ für eine Kultur der Jungsteinzeit. 1885 erschien ihr Tafelband „Vorgeschichtliche Alterthümer aus Schleswig-Holstein. Zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Bestehens des Museums vaterländischer Alterthümer in Kiel“. 1886 folgte ihr Werk „Urnenfriedhöfe in Schleswig-Holstein“, das lange Zeit als einzige Veröffentlichung dieses Fundstoffes galt.

Nach dem Tod von Gottfried Heinrich Handelmann wurde die 63-jährige Johanna Mestorf 1891 seine Nachfolgerin. Die Leiterin des Kieler Museums war nun die erste Frau in Deutschland, die als Museumsdirektorin fungierte und ein Universitätsinstitut leitete. Sie pflegte weitreichende Kontakte zu Fachkollegen sowie zu wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaften, denen sie oft als Mitglied bzw. Ehrenmitglied angehörte.

Auch während ihrer Amtszeit als Direktorin übersetzte Johanna Mestorf weiterhin Werke skandinavischer Archäologen, zum Beispiel von Bernhard Salin (1861–1931). Zu ihrem vermeintlichen 70. Geburtstag im April 1899 wurden ihr vom deutschen Kaiserpaar der Frauenverdienstorden und der Professorentitel verliehen. Neben einer Naturforscherin aus dem Baltikum war sie die zweite Frau in Deutschland, die zum Professor ernannt wurde. 1904 überreichte man ihr die Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft.

Am 1. April 1909 trat Johanna Mestorf von ihrem Posten als Direktorin des Kieler Museums zurück. Beim Eintritt in den Ruhestand erhielt die „Zierde der Wissenschaft“ und „größte Frau von Schleswig-Holstein“ ein Porträtfoto von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) mit eigenhändiger Unterschrift des Herrschers. Zudem wurde sie von der medizinischen Fakultät der Universität Kiel wegen ihrer Moorleichenforschung zum Ehrendoktor ernannt. Die „Deutsche Gesellschaft für Vorgeschichte“ ernannte sie am 17. April 1909 zum Ehrenmitglied.

Die ihr Leben lang unverheiratet gebliebene Johanna Mestorf konnte ihr Vorhaben, eine Geschichte des Kieler Museums zu schreiben, nicht mehr verwirklichen. Nach längerer Krankheit starb sie am 20. Juli 1909 im Alter von 81 Jahren in Kiel, wo am 23. Juli zahlreiche Prominente aus Kultur, Wissenschaft, Adel und Politik an ihrer Trauerfeier teilnahmen. Danach wurde die Tote auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg in einem Familiengrab beigesetzt.

Nachrufe über Johanna Mestorf schrieben ihr Nachfolger Friedrich Knorr (1872–1936) in den „Mitteilungen des Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein“, der Berliner Archäologe Gustaf Kossinna (1858–1931) in der Zeitschrift „Mannus“ und der Berliner Archäologe Hubert Schmidt (1864–1933) in der „Prähistorischen Zeitschrift“.

Auf dem Porträtfoto in der „Prähistorischen Zeitschrift“ trug Johanna Mestorf vermutlich eine so genannte kreuzförmige Fibel, die von den Ausgrabungen des Urnenfriedhofes Borgstedt im Kreis Rendsburg-Eckernförde stammt. Im Stadtmuseum Kiel und im Archäologischen Landesmuseum Schleswig befinden sich Ölbilder von Dora Arnd-Raschid (geb. 1869) mit dem Porträt von Johanna Mestorf.

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